… eine Nacht am Fuße des berühmten Vulkans Chimborazo
Ich werde wach, weil ich mal wieder auf die Toilette muss.
Das ist der Nachteil hier oben auf 3800 Metern Höhe.
Irgendwie scheint die Höhe auf die Blase zu drücken.
Mein Blick geht zum Fenster und ich schaue in einen der faszinierenden Sternenhimmel, den ich bis jetzt gesehen habe.
Der Himmel ist tiefschwarz und Tausende von Lichter blinken.
Sterne, Satelliten, Planeten. Ansonsten sieht man nichts, wirklich nichts, es ist so dunkel da draußen. Tiefschwarze Nacht.
Von wegen Nacht. Ein Blick auf die Uhr: Es ist gerade mal 22:45! Die ganze Nacht liegt ja noch vor mir! Gerade mal 1,5 Stunden habe ich geschlafen. Na prima!
Also drehe ich mich wieder um und kuschel mich unter die herrliche leichte Daunendecke.
So schön! Endlich einmal wieder ein vernünftiges Bett. Eine richtig gute Matratze und diese herrliche Decke!
Das nächste Mal erwache ich um 1 Uhr 30. Um unsere kleine Hütte saust der Wind.
Der Sternenhimmel von eben ist weg, in dem Dämmerlicht des Mondes zeichnet sich der Berg deutlich ab. Eine dunkle Silouette mit heller Kappe.
Dieser Berg! Chimborazo!
Der der Sonne am nächstgelegenen Punkt der Welt! Majestätisch liegt er vor uns.

Der Chimborazo ist mit 6.263 Metern der höchste Berg des Landes und ein inaktiver Schichtvulkan.
Fun Fakt: Weil die Erde am Äquator dicker ist und der Chimborazo nahe am Äquator liegt, ist sein Gipfel weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als der Mount Everest. Der Gipfel des Chimborazo-Vulkans ist also der am weitesten vom Erdkern entfernte Punkt und der der Sonne am nächsten gelegene Punkt auf der Erde.
Wir sind in der Chimborazo Lodge, direkt am Fuße des majestätischen Berges.

Ein faszinierendes Fleckchen Erde ist das hier.
Im Schatten dieses Berges, umgeben von der Ruhe und dem Frieden der Natur wird man daran erinnert, was man wirklich ist: ein kleines Puzzleteil der großen Mutter Natur.
Dieser Berg lehrt einen Demut.

Gestern um kurz nach 15 Uhr hatten wir unser Ziel erreicht.

Die Chimborazo Lodge liegt kurz vor dem Eingang des Nationalparks Chimborazo. Es ist die letzte Möglichkeit in der Nähe des gigantischen Vulkans zu schlafen. Nur das Basecamp Chimborazo ist noch höher gelegen, aber dort schlafen die Wanderer, die den Berg bezwingen wollen.
Wir wollen den Berg nicht bezwingen, völlig utopisch. Wir wollen ihm nur möglichst nah sein.
Morgen wollen wir mit dem Motorrad noch ein Stück höher fahren.
Was für‘n 💩! Da haben wir nun echt keine Lust zu!
Bis auf 4800m kann man hier heranfahren, wenn das Wetter es zulässt.
Wir hätten das schon heute gern gemacht, aber unser Host von der Lodge zieht uns diesen Zahn gleich. Das geht nicht, die Zufahrt nach oben ist schon geschlossen. Die machen um 14 Uhr dicht. Mañana!
Na gut, also verschieben wir das Projekt auf morgen und genießen die Annehmlichkeiten der Lodge.
Wir wohnen in einer stilvoll eingerichteten Hütte oben unterm Dach mit Blick auf den imposanten Berg.











Draußen gibt es nur den Berg, die Wiesen, die Alpakas, ein paar Rehe, das plätschern des kleinen Baches, der durch die Wiese fließt und eben die Lodge, die friedlich am Fuße des Berges liegt.


Marco Cruz hat hier mit seiner Frau ein wahres Paradies erschaffen. Der ehemalige Bergsteiger ist hier in Ecuador eine Legende. Der Messner Ecuadors sozusagen.
Er hat es sich zum Ziel gemacht, seine Gäste in die Natur eintauchen zu lassen und das ist ihm wirklich gelungen.
Aufmerksam geworden sind wir auf die Unterkunft, als wir im Fernsehen eine Reportage über den Chimborazo gesehen haben. Da wussten wir, das wir hier unbedingt versuchen wollen eine Nacht zu verbringen.
Und jetzt sind wir hier!
Nach einem kleinen Powernap nach der Fahrt von Baños zieht es uns nach draußen.

Zu den Alpakas.


Die haben mich schon bei der Ankunft magisch angezogen. Da standen sie weit hinten im Tal unterhalb des Berges.




Jetzt sind sie nach vorne gewandert und laufen um das Hauptgebäude des Anwesens herum.



Alpakas sind einfach supersüß. In ihrem dicken Wollkleid möchte man sie am liebsten direkt in den Arm nehmen und kuscheln.

Überall laufen die Tiere um uns herum, völlig angstfrei, teilweise ein bisschen neugierig, aber die meiste Zeit komplett unbehelligt von unserer Anwesenheit.

Wir sitzen in der Sonne, trinken Kaffee und genießen die friedliche Atmosphäre.
Der Berg verändert von Minute zu Minute sein Gesicht.

Erst war er noch ein wenig von weißen Quellwolken umhüllt. Jetzt verschwinden diese immer mehr und die weiße Kappe des Vulkans leuchtet gleißend im Sonnenlicht.

Wir sind solche Glücksschweine!

Heute morgen noch in Baños war es total bewölkt, Regen war vorhergesagt und jetzt beschenkt uns der Berg mit diesem wunderschönen und seltenen Anblick.
Das Wetter ändert sich hier schnell…
Auf dem Weg hierher hing er noch ziemlich in den Wolken. Trotzdem war schon die Fahrt hier herauf spektakulär.
Aber nochmals zum Anfang:


Wir starten in Baños ganz entspannt nach dem Frühstück gegen 12 Uhr. Die Fahrt insgesamt dauert nicht so lang. Unser Navi hat sie mit 2,5 Stunden ausgerechnet. Da wir vor 14 Uhr eh nicht an der Lodge auftauchen brauchen, können wir es also ganz ruhig angehen lassen.

Wir müssen eh mal sehen, wie es mir beim Motorradfahren geht. Gestern Abend hatte ich noch einmal richtig starke Schmerzen, aber heute scheint es sich etwas beruhigt zu haben.
Wir fahren raus aus Baños, begleitet von dem seltsamen Verkaufsgebahren der Mädels diverser Süßigkeitenstände. Hier wird der Zuckerrohrsüßkram verkauft, den wir gestern in dem kleinen Laden neben dem Steakrestaurant gekauft haben. Selsam ist, dass diese Mädels einem wild winkend vor die Nase springen. Ob das so die richtige Verkaufsstrategie ist? Ich bezweifle es.
Hinter Baños biegen wir links Richtung Riobamba ab.

Es geht zunächst noch asphaltiert, dann auf einer teilweise recht abenteuerlichen Gravelroad (aber wenigstens die ganze Zeit schön breit) durch eine wunderschöne saftig grüne Landschaft. Berge, Palmen, im Tal der Fluss. Man merkt die Nähe zum Amazonasgebiet.




Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir den kleinen Ort Penipe und den Imbiss Las Tortillas Penipiñas. Dort machen wir halt für ein Almuerzo.



André hatte sich den Imbiss schon bei Google rausgesucht, eine 4,9, der Fuchs!

… und es war genau die richtige Entscheidung. Für 7$ (alles zusammen!) bekommen wir eine wirklich hervorragende Hühnersuppe und anschließend das übliche Tagesgericht mit Pollo frito, dazu frischen Ananassaft.



Gut gesättigt geht’s weiter.
Die Straße ist inzwischen wieder asphaltiert aber dennoch in einem abenteuerlichen Zustand.
Schlagloch-Slalom ist mal wieder angesagt!
Aber das Wetter hält sich und wird stetig besser. Was wollen wir mehr?

Irgendwann erreichen wir Riobamba. Ich bin ganz froh, dass wir hier nur durchfahren. Für eine größere Stadt ist sie nicht schlecht. Die Hauptstraße, die wir entlang fahren ist von Bäumen gesäumt.



Trotzdem, es stinkt, es laut, es ist wuselig. Ich mag das nicht….

Riobamba ist die nächstgrößere Stadt am Rande des Chimborazo Gebietes. Für viele Reisende ist sie erste Anlaufstelle, um von dort aus zum Chimborazo zu fahren.




Wir fahren durch und gleich nach oben in Richtung Chimborazo Nationalpark.

Das Navi zeigt fleißig die nach oben kletternden Höhenmeter an. Irgendwann wird es uns doch zu fröstelig und wir rüsten mit Woolpower nach.




Den Chimborazo schon jetzt immer im Blick nähern wir uns dem magischen Berg
… und von Minute zu Minute kann man ihn besser sehen, weil die wabernden Wolken langsam verschwinden.



Dann sind wir am Gatter zur Lodge.
Das steht offen. Sollte das wegen der Alpakas nicht zu sein?

Naja, wir fahren hindurch und ich schließe das schwere Tor.


Über einen grob gepflasterten Natursteinweg geht es zum Parkplatz der Lodge, wo uns Jonderus, ein Angestellter, schon erwartet.
Er bringt uns zu unserem kleinen Häuschen und zeigt uns alles. Ich bin total begeistert. Das ist hier alles mit so viel Liebe eingerichtet worden und wird auch bestens in Schuss gehalten.
Jetzt sitzen wir hier mit unserem Kaffee, zusammen mit den anderen Gästen (viel französisch sprechende Gäste, vier aus Belgien, ein Paar aus Bordeaux) und schauen dem Berg zu, wie er sich im Licht der langsam untergehenden Sonne verändert.



Irgendwann kommt ein junges reisewütiges Pärchen aus den USA dazu. Ella (ich bin mir nicht sicher, ob ich den Namen richtig erinnere, falls du das liest, gib mir sonst kurz Bescheid, dass ich es ändern kann 🙈) und Paul. Die beiden sind so nett und wir verstehen uns auf Anhieb so gut, dass wir den ganzen Abend miteinander verbringen.
Fast 1 1/2 Stunden verbringen wir damit, dem Schauspiel zwischen Sonne und Berg beizuwohnen. Es ist einfach wunderschön.

Es wirkt so, als wenn die Sonne den Berg mit ihrem Licht streichelt.

Dann wird es empfindlich kalt und wir gehen in das Hauptgebäude. Ein großer gemütlich eingerichteter Raum. In der Mitte ein großer Kamin, um den man sitzen und quatschen kann und der den Raum wunderbar erwärmt.

Wenn ich das mit der Shalala Lodge vergleiche, wo wir mit Jacke in einem unbeheizten Restaurant saßen… da liegen Welten dazwischen!

Dieser Raum ist wie ein kleines Museum. Marco Cruz hat hier sämtliche Dinge, die mit dem Bergsteigen zu tun haben, liebevoll ausgestellt.




Wir sitzen erst noch ein bisschen am Kamin und quatschen über Gott und die Welt. Übers Reisen, über die Jobs. Ella ist auch Lehrerin und erzählt, wie besorgt sie ist, dass einige ihrer Schüler nach dem Sommer vielleicht nicht mehr da sein werden, da sie abgeschoben wurden. 9 bis 10 jährige, die Zeit ihres Lebens in den USA sind und jeden Tag mit der Angst leben müssen in ein Land geschickt zu werden, dass sie vorher nie betreten haben. Einfach schrecklich!
Bald wird uns das Zeichen gegeben, dass das Dinner fertig ist
Wir verlassen die gemütliche Kaminecke und gehen zu unserem Tischen.

Es ist paarweise eingedeckt. Wir schieben unsere Gedecke einfach an einem Tisch zusammen und quatschen beim Essen weiter.
Es ist einfach so schön, sich einmal wieder richtig gut zu unterhalten! Schade, dass wir das mit dem Spanisch einfach nicht gebacken bekommen so ungezwungene Gespräche zu führen. Aber umso größer dann die Freude, wenn man auf Englisch quatschen kann.
Das Essen ist fantastisch.
Es gibt eine leckere Kürbissuppe und anschließend tatsächlich eine Art Gulaschgericht mit Rotkohl und Brokkoli. Was für eine willkommene Abwechslung! Und es schmeckt wirklich gut.


Zum Abschluss gibt es noch einen warmen Obstkompott (ich glaube tatsächlich, das es Birne ist, schmeckt zumindest so ähnlich).
Danach sind wir pappsatt und bettfertig.

… und jetzt liege ich hier und schaue aus dem Fenster auf den Berg.
Langsam geht die Sonne auf. Die Alpakas haben einen großen Kreis gebildet, so ne Art Alpakaburg, und schlafen.

Jetzt, wo die Sonne langsam aufgeht, kommt Bewegung in die Truppe und Sie kommen in einem großen Trupp zum Haupthaus. Gibt es da was besonderes oder was ist das für ein Move?

Nein sie wandern einfach am Haupthaus vorbei zum Parkplatz und das Weideland dahinter.
Eine Stunde später etwa, als wir das Häuschen verlassen, um zum Frühstück zu gehen, sind sie schon bis ans andere Ende des kleinen Tals gewandert, das zur Lodge gehört.

Um 8 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Frühstück.
Auch das ist hervorragend! Wir betreten den wohlig warmen Gastraum. Heute Morgen ist nicht der große Kamin beheizt sondern stattdessen bollert ein kleiner Holzofen, auf dem auch der Kaffee und das Teewasser warmgehalten werden.



Wir nehmen direkt am Fenster mit Blick auf den imposanten Berg Platz. Herrlich!
Alles hier in der Lodge erinnert auf eine angenehme Art an die Schweizer Alpen. Die Einrichtung, der extrem kundenorientierte Service, die Natur… es ist nicht so, dass ich mich in der Schweiz besonders zu Hause fühle aber dennoch fühle ich mich in dieser Atmosphäre extrem wohl. Es ist einfach schön.

Auch der Besitzer sieht aus als wenn er direkt dem Heidi-Film entsprungen ist.
Hier ist er auf einem Foto zusammen mit dem letzten Eismann vom Chimborazo. Der letzte Eismann vom Vulkan Chimborazo in Ecuador war Baltazar Ushca (1944–2024). Über 60 Jahre lang stieg er wöchentlich auf über 5.000 Meter Höhe, um dort von Hand Gletschereis aus dem Eis zu schlagen. Das Eis verkaufte er auf den Märkten der Stadt Riobamba. Sein Leben und seine Arbeit wurden im gefeierten Dokumentarfilm The Last Ice Merchant gewürdigt.
Überhaupt ist die Lodge gespickt mit Andenken an berühmte Bergsteigerpersönlichkeiten.
Extrem oft ist Reinhold Messner zu sehen, der auch persönlich viel Kontakt zu Cruz hat.


Besonders witzig fanden wir diese Postkarte von Messner, die gut platziert an der Außenwand der Lodge hängt. … das Englisch 🙈!
André inspiziert nach dem Frühstück erstmal ganz genau die vielen Dinge, die hier in der Lodge ausgestellt sind, während ich die Aussicht genieße.

Schließlich machen wir uns aber auf den Weg zurück zu unserem Zimmer. Noch ein bisschen ausruhen, packen. Check out ist um 11 Uhr. Das ist auch gut so, denn gerade hat es sich ganz schön zugezogen. Eine ganze Armada von Wolken ist ins Tal hinunter gekommen (von wegen Tal… wir sind auf 3800 Metern 🙈) und die Lodge hängt jetzt richtiggehend in den Wolken. Da warten wir doch ein bisschen ab.
Das Wetter wechselt hier echt schnell, als wir uns eine Stunde später auf den Weg machen, sind alle Wolken wieder weg.
Wir fahren in strahlendem Sonnenschein los.

Wir wollen hoch zum Chimborazo. Zum Hauptparkplatz im Chimborazo-Nationalpark, dem Refugio Carrel auf einer Höhe von 4.800 Metern.

Vom Gatter der Chimborazo Lodge ist das nicht weit. Der Eingang zum Nationalplatz ist etwa 10 Minuten Fahrzeit entfernt.

Es geht durch eine karge Landschaft. Wir erreichen wohl langsam die Baumgrenze.

Das Navi klettert beständig nach oben, vor uns, neben uns… der Berg.
Nach 10 Minuten erreichen wir den Eingang zum Chimborazo-Nationalpark.
Von weitem sehe ich bestimmt 10 Motorräder auf dem Parkplatz stehen, alles Reise-Enduros. Mir schwant schon Böses.

Am Parkeingang halten sie uns an. Motorräder lassen sie nicht hoch!
Bitte was?! Die scheiß Autos dürfen alle hoch und wir nicht? Was ist deren Problem?
Wir sollen hier unten parken und können zu Fuß hochgehen…
Haha! Sehr witzig! Das Ziel ist jawohl, dass das Beast da hoch soll!
Leicht gefrustet kehren wir um und machen uns auf den Rückweg.
Wie gut, dass wir unser persönliches Chimborazo-Erlebnis schon gestern auf der Lodge hatten.
Wenn ich nur an die ganzen anderen Mopedfahrer denke, die hier heute wahrscheinlich extra deswegen von Riobamba hoch gefahren sind und dann wirst du nicht hochgelassen!

Ein paar Meter hinter dem Parkeingang lassen wir uns dann aber dennoch nicht davon abhalten unser ganz persönliches Foto von der BMW mit Chimborazo zu machen.


Dann eben so!

